Produktstandort China

Unternehmen insbesondere der Leichtindustrie, die ihre Fertigung aus Kostengründen nach China verlagert hatten, stehen vor einem Dilemma. In den wirtschaftlichen Kerngebieten steigen die Löhne und Mieten unaufhörlich. Zudem will die Regierung in Beijing durch fiskalische Vorschriften einfache Lohnfertiger aus dem Land drängen. Es fehlen indes Alternativen. Die inneren Provinzen liegen zu weit entfernt von den Metropolen  und die Arbeitskosten in Nachbarstaaten wie Vietnam sind kaum niedriger.

Der Osten Chinas ist mittlerweile keine Billigregion mehr. In den ökonomischen Zentren steigen die Arbeitsentgelte und Grundstückspreise jährlich mit zweistelligen Raten, ohne dass ein Ende des Wachstums abzusehen wäre. Einheimische Unternehmen sowie ausländische Investoren insbesondere in arbeitsintensiven Branchen stehen daher vor der Frage einer Verlagerung ihrer Fertigung in kostengünstigere Provinzen.

In Shanghai sind zahlreiche Firmen bereits vor Jahren in die benachbarten Provinzen Zhejiang und Jiangsu abgewandert. Die Büromieten übersteigen zum Verdruss internationaler Unternehmen teilweise sogar diejenigen Hongkongs.

Der Auslagerungstrend ist auch im südchinesischen Perflussdelta angekommen. Um die Jahrtausendwende waren hier noch Näherinnen für unter 100 US$ zu bekommen. Inzwischen liegen die Bruttolöhne für Fabrikarbeiter in Shenzhen bei rund 250 US$. Die Grundstückspreise stellen ebenso keine Schnäppchen mehr dar.

Darüber hinaus herrscht sowohl im Yangzi- als auch im Perlflussdelta ein Mangel an nahezu allen Produktionsfaktoren. Laut Angaben eines deutschen Logistikkonzerns ist es in Shanghai extrem schwierig, qualifiziertes Personal zu finden und anschließend zu halten. Die Fluktuation sei mit jährlich 25% unerträglich hoch. In keiner anderen Niederlassung in China herrschten ähnlich chaotische Verhältnisse.

Im Perlflussdelta sieht die Situation peronalseitig ein wenig entspannter aus. Dafür sind in Industriestädten wie Dongguan Grund und Boden knapp, und regelmäßige Stromrationierungen gehören zum Alltag. Zwar wussten sich Unternehmen durch die Anschaffung von Generatoren zu helfen. Steigende Dieselpreise machen diese Art der Elektrizitätserzeugung aber immer teurer.

Administrative Regelungen treiben indes die Kosten weiter in die Höhe. Die Regierung in Beijing hat 2007 strenge fiskalische Maßnahmen eingeführt, um die sogenannten Lohnfertiger abzustrafen. So müssen Unternehmer in bestimmten Branchen für ihre importierten Vorprodukte Kautionen in bar hinterlegen. Zudem wurde die entsprechende Mehrwertsteuerrückerstattung reduziert.

Der Hong Kong Trade Development Council warnte, dass zehntausende Fabriken im Perflussdelta, die sich in der Hand von Hongkonger Investoren befinden, in den Ruin oder aber in andere Länder getrieben werden könnten. Dies scheint jedoch die Absicht der Zentralregierung zu sein. Sie will die einheimische Industrie höher positionieren und deren Wertschöpfung steigern. Einfache Lohnfertiger sind nicht mehr gefragt.

Wer Kosten sparen will, kann ins Hinterland der Provinz Guangdong abwandern. Dort sind Löhne und Grundstückspreise noch erschwinglich. Die Containerhäfen in Shenzhen und Hongkong sind zudem nicht allzu weit entfernt. Das garantiert eine günstige und zuverlässige Versendung der Ware. In Kreisen wie Jieyang haben sich die ersten Industriecluster herausgebildet. In den inneren Provinzen Chinas sind die Löhne noch einmal günstiger, Grundstücke werden Investoren nahezu kostenlos überlassen. Zudem gibt es an Standorten wie Chengdu ein Überangebot an qualifizierten Kräften. Doch viele Unternehmen scheuen den Weg dorthin. Einsparungen bei den Gehältern stehen nämlich höhere Logistikkosten und längere Transportzeiten gegenüber.

Im Falle einer Fertigungsauslagerung kann es sogar zu einer Erhöhung der gesamten Produktionskosten kommen. Landeskenner können daher bis jetzt noch keine massive Verlagerung von Fabriken in die inneren Provinzen Chinas, sondern lediglich ins Hinterland Guangdongs feststellen.

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